dAf 62
LAVENDHOMME Marie-Odile, GUICHARD Vincent
Rodumna (Roanne, Loire), le village gaulois
1. Der Fundort
M.-O. LAVENDHOMME, V. GUICHARD
1.1. Geographischer und historischer Rahmen
Die einzigen Erwähnungen des antiken Roanne finden sich in der Tabula Peutingeriana (Roidomna) und bei Ptolemaios (Rodumna), der sie ais Stadt der Segusiaver bezeichnet und gleichzeitig deren Hauptstadt, Forum Segusiavorum (Feurs), erwähnt. Zum Zeitpunkt der Eroberung Galliens stellen die Segusiaver eine politisch unabhängige Gruppe dar - allerdings im Einflussbereich der Häduer ; der wichtigste Teil ihres Territoriums ist die Ebene von Forez (Fig. 1). Roanne liegt im Norden und bildet seinerseits das Zentrum einer in sich geschlossenen Landschaft.
Der Ort ist Umschlagplatz der Loireschiffahrt und liegt gleichzeitig am Kreuzungspunkt mehrerer Überlandstrassen, welche für die römische Epoche gesichert und für die vorausgehende Zeit zu erschließen sind. Mit Ausnahme der Stadt ist über die Vorgeschichte des Umlandes nur wenig bekannt; Funde vor dem 2. Jh. v.Chr. sind selten. Für die spätkeltische Zeit ist ein Fundort 10 km südlich von Roanne von Bedeutung : Das 70 Hektaren umfassende Oppidum von Joeuvre liegt gut geschützt in einer weiten Loireschlaufe mit steilen Uferböschungen (Fig. 2). Obwohl der innere Aufbau seiner Befestigungen bekannt ist (jüngeres vallum über älterem murus gallicus), liegen deren Entstehung und Periodisierung mangels archäologischer Ausgrabungen im Dunkeln.
1.2. Topographie und erste keltische Besiedlung
Die erste keltische Siedlung von Roanne liegt auf einer sandigen Anhöhe inmitten der Ebene. Auf ihrer Ostseite wird sie vom Hauptarm der Loire umflossen und im Westen durch eine Moorlandschaft begrenzt (Fig. 4). Der größte ihrer Bestattungsplätze liegt 800 m weiter südlich und ebenfalls in Flussnähe. Seinen Aufschwung verdankt der Ort vermutlich seiner Lage am Schnittpunkt von Fernstrassen, die mindestens für die römische Zeit nachgewiesen sind. Obwohl sich die Siedlung ab dem 2. Jh. v.Chr. stetig vergrößert, überschreitet ihre Ausdehnung bis zur Mitte des 1. Jh. v.Chr. die Flache von 4 Hektaren kaum. Erst ab augusteischer Zeit entwickelt sich der Ort rasch und erreicht in der Mitte des 1. Jh. n.Chr. mit 30 Hektaren seine grosste Ausdehnung. Wahrend dieser ganzen Zeit erfahrt der Stadtplan keine grundlegenden Veränderungen; Richtschnur bleiben immer die sich hier kreuzenden Verkehrsachsen.
1.3. Die Grabungen
Die Bedeutung des antiken Roanne war bereits im letzten Jahrhundert durchaus bekannt, während die keltische Besiedlung erst gegen Ende der 50er Jahre ins Bewusstsein der Forschenden getreten war. Die Veröffentlichung der ersten Grabungen durch M. Bessou im Jahre 1976 bildete damals insofern für ganz Mittelfrankreich einen Markstein, ais darin eine detaillierte Stufengliederung für das 1. Jh. v.Chr. geliefert wurde. Später hat sich dann allerdings herausgestellt, dass das von Bessou ergrabene Material bereits im 2. Jh. beginnt.
Die hier vorgelegte Arbeit gründet auf einer Ausgrabung (Saint-Paul) von 1987, die unmittelbar an diejenige von Bessou anschließt (Saint-Joseph) und in der Nahe einer dritten Sondage (Rue Gilbertès) liegt, welche bereits im Jahre 1970 erfolgte. Die untersuchte Fläche ist mit ihren 1500 m2 nicht besonders groß, erbrachte aber durch die Fülle der Fundobjekte vor dem Hintergrund einer klaren Stratigraphie umfangreiche neue Erkenntnisse, die hier nun vollständig und zusammen mit den übrigen Entdeckungen der letzten dreißig Jahre vorgelegt werden sollen.
1.4. Chronologischer Rahmen
Der zeitliche Beginn der Studie ist durch die ältesten Funde vorgegeben, die mit wenigen Ausnahmen in den Übergang vom 3. zum 2. Jh. v.Chr. gehören. Das Ende hingegen musste willkürlich festgesetzt werden, da nirgends ein stratigraphischer Bruch ersichtlich war. Es wurde deshalb mit dem Auftreten von verschiedenen charakteristischen Keramiktypen des 1. Jh. n.Chr. definiert.
1.5. Die frühesten keltischen Spuren
Der planmässig erbauten Siedlung des 2./1. Jh. v.Chr. geht eine nur schwer fassbare Belegung voraus, von der fast keine Baustrukturen mehr vorhanden waren. Das in den untersten Schichten gefundene Material ist stark fragmentiert und verstreut; es gehört ins 4. und 3. Jh. Besonders erwähnenswert sind mehrere massaliotische Obole und bemalte Krüge aus dem Rhonetal.
2. Siedlungsstrukturen und Stratigraphie
M.-O. LAVENDHOMME
2.1. Die Entwicklung der Siedlung
Die Ausgrabung « Saint-Paul » lieferte eine gut lesbare Stratigraphie mit drei Besiedlungsphasen im 2. und 1. Jh. v.Chr. In der Phase 1 fand durch die während Generationen immer wieder erneuerten Wohnstätten eine leichte Geländeüberhöhung statt. Nach einer Ausplanierung (Phase 2), erfolgte in Phase 3 der Wiederaufbau der Gebäude Nach einem neuen Orientierungsschema, das dann auch während der ganzen römischen Zeit beibehalten wurde. Die Bearbeitung des Fundmaterials erlaubte eine Aufteilung in sechs Zeithorizonte, welche in die Stratigraphie eingepasst werden konnten (Tabl. 1).
2.2. Die Gliederung der Siedlung und ihre Stratigraphie
Phase 1 weist eine Reihe rechteckiger Gebäude auf, die auf der einen Seite von einer Gasse begrenzt werden und sich auf der anderen Seite gegen einen Hof öffnen, der vermutlich ebenfalls häuslichen Aktivitäten vorbehalten war (Fig. 12). Es lassen sich jeweils drei bis vier Bauphasen bzw. Erneuerungen festestellen, während denen sich die Grundrisse jedoch nicht veränderten. Nach einem (kurzen?) Unterbruch mit Planierungen (Phase 2) erfolgte in der Phase 3 eine Neuüberbauung, welcher eine gänzlich neue Ausrichtung zugrunde gelegt wurde. Diese schlägt sich zuerst in einer Ost-West gefluchteten Palisade nieder und später dann in einer gemörtelten Mauer (Fig. 21). Die Gebäudeformen werden nun vielfältiger, jedoch ist infolge späterer, römischer Störungen kein einziger Hausgrundriss ais Ganzes zu rekonstruieren.
Die Kontinuität der Stratigraphie seit dem 2. Jh. v.Chr. macht deutlich, dass diese Siedlung durch das in der Nähe gegründete Oppidum von Joeuvre nicht tangiert worden ist - ganz im Gegensatz zu entsprechenden Fällen, wo sich die offene Siedlung zugunsten des Oppidums aufgelöst hat, wie zum Beispiel in Levroux, in Basel und in der Gegend von Clermont-Ferrand. Dieser Umstand, der auch in Feurs und Goincet festgestellt werden kann, erlaubt es, die Siedlungsentwicklung kontinuierlich zu verfolgen: Auf eine geschlossene Überbauung in der ersten Hälfte des 2. Jh. erfolgt eine völlige Umstrukturierung in der ersten Hälfte des 1. Jh., die später nicht einmal mehr wahrend der Romanisierung angetastet worden ist.
2.3. Siedlungsstrukturen
Die Wohnhäuser der Phase 1 sind trotz ihrer leichten Bauweise besonders gut erhalten. Es handelt sich um rechteckige, einräumige Hauser von 4 x 6 m, deren dünne Rechtwerkwände direkt im Boden verankert waren. Ihre Binnenunterteilung ist nicht bekannt. Der Boden aus gestampftem Lehm liegt bisweilen auf einem Scherben- oder Kiesbett. Die Türöffnungen befinden sich in der Regel auf der Giebelseite. In der Hausmitte, direkt auf dem Boden, liegt die rechteckige Feuerstelle. An weiteren Wärmequellen finden sich kleinere Kuppelöfen, mobile Glutplatten aus Ton sowie große Feuerstellen ausserhalb der Gebäude. Tonbehälter waren in den Boden eingelassen. Ebenfalls im Hausinnern kamen zahlreiche Foeten- und Säuglingsbestattungen zum Vorschein. In der näheren Umgebung der Häuser konnten ein Brunnen, ein abgehobener Speicher (?) sowie zahlreiche Gruben unbekannter Funktion festgestellt werden.
Mediterrane Bautechniken wie die Verwendung von Tonziegeln und Kalkmörtel werden erst im letzten Viertel des 1. Jh. v.Chr. übernommen. Die Verschiedenartigkeit der Gebäude und Strukturen weisen auf einen höheren Diversifikationsgrad ais in der Phase 1, wobei die Nutzung im Einzelne nicht präzisiert werden kann: Besonders erwähnenswert sind zwei Hauser auf Pfosten und ein Keller sowie zahlreiche Gruben unterschiedlichster Form und Einfüllung.
3. Die Funde
G. GENTRIC, V. GUICHARD, M.-O. LAVENDHOMME, P. MÉNIEL, J.-P. MOREL, M. VAGINAY
3.1. Die relative Chronologie der Fundkomplexe
Erstes Ziel jeder Materialanalyse ist die Erstellung einer zeitlichen Abfolge. Zu diesem Zweck haben wir 26 geschlossene und besonders reichhaltige Fundensembles (d.h. Grubenfüllungen) ausgewählt, die wir anschließend mittels einer Seriation zu ordnen versuchten. Um die Lektüre dieses Kapitels zu erleichtern, wurden diese 26 Ensembles gemäß der durch die Seriation erstellten Ordnung neu mit Fi bis F26 bezeichnet. Die auf diese Weise geordnete Keramik findet sich auf den Tafeln am Schluss des Buches abgebildet.
Für die Statistik wurde nur die Keramik aufgenommen. Alle übrigen Fundkategorien sind für eine statistische Auswertung zu klein, sie wurden jedoch am Schluss zu Kontrollzwecken herangezogen. Ausgezählt wurden die Gefäße von rund 20 gut definierten Keramikgattungen (z.B. Campana, italische Terra Sigillata) oder durch . andere technische Eigenheiten charakterisierte Gefassgruppen (z.B. Herstellung, Brand, Überarbeitung) (Tabl. VII/2). Es wurde die faktorielle Korrespondenzanalyse angewendet.
Die auf diese Weise erstellten Tabellen (Rg. 63) zeigen eine gute Seriation mit auf den ersten Blick erkennbaren drei Zeitphasen, welche den drei Perioden von Bessou aus demJahre1976 entsprechen. Jede dieser Perioden ist durch eine bestimmte Menge der wichtigsten Keramikgattungen definiert (Rg. 65). Eine Feinanalyse machte zudem deutlich, dass zwei Zeitspannen durch unsere Fundensembles schlecht abgedeckt werden: Die eine liegt zwischen Periode 1 und 2 und die andere zwischen Periode 2 und 3. Die erste Lücke konnte durch Funde aus Feurs geschlossen werden.
Schließlich wurde jede Periode in zwei Unterperioden aufgeteilt, welche ais Horizonte bezeichnet wurden. Die Stratigraphie (Rg. 66) steht in keinem Gegensatz zu den auf diese Weise gewonnenen Resultaten der Seriationsanalyse.
3.2. Keramik
Die Keramik gliedert sich in zwei Hauptgruppen: Die erste umfasst die Importe, welche mit Ausnahme der Gefäße vom Typ Besançon aus dem Mittelmeergebiet stammen, sowie die vom Süden her inspirierten Gefassformen. Die zweite Gruppe umfasst die lokal gefertigte Ware. Die zahlenmassig grossere Gruppe der einheimischen Keramik wird gemäss der detaillierten und bereits in Feurs angewendeten Typologie aufgegliedert (vgl. Vaginay und Guichard 1988). Diese - berücksichtigt ais wichtigstes Kriterium die Herstellungstechnik (Tonqualität, Aufbau, Überzug, Brenntechnik) und als zweites die Morphologie (Gesamtform, Mündung, Rand).
Die Entwicklung der regionalen Keramikformen erfolgte rasch und entspricht derjenigen, die bereits in Feurs beobachtet werden konnte (Rg. 121). Jeder Horizont weist charakteristische Eigenheiten auf (Rg. 65 und 123-128). Am auffälligsten ist die stetige Abnahme der von Hand aufgebauten Formen zugunsten der gedrehten Gefäße. Diese wurden zuerst reduzierend / oxidierend gebrannt («A »; Ende 2./ Beginn 1. Jh. v.Chr.), später nur noch reduzierend (« B »). Gegen die Mitte des 2. Jh.v.Chr. erscheinen erstmals von der Campana A inspirierte Schüsseln und Teller. In der 1. Hälfte des 1. Jh. v.Chr. findet dann ein tiefgreifender Formwandel statt; neu ist das massive Auftreten des Tellers mit Schrägrand, ein Derivat der Campana-B-Form. Zur gleichen Zeit ändert sich auch die Art des Dekors: Die im 2. Jh. beliebten Stempel-, Glätt- und Malverzierungen verschwinden zugunsten mehr mechanisch, mit Hilfe von Modeln und des Kamms angebrachten Techniken.
Die Importkeramik nimmt ständig zu und ist von ganz unterschiedlicher Herkunft. Bis Horizont 3 treffen nur die Campana, die helltonige Keramik aus dem untern Rhonetal und (seltener) die graue katalanische Ware regelmässig ein. Ab Horizont 4 tauchen Feine Becher und ab Horizont 5 italische Terra Sigillata auf. Zunehmend häufiger werden die mediterran beeinflussten Produktionen aus regionalen Werkstatten, bis diese schließlich das ganze Repertoire dominieren: Ab Horizont 2 ais Campana- Imitationen, welche ab Horizont 5 von Sigillata-Imitationen abgelöst werden. Gleichzeitig erscheinen Becher und Krüge. Aligemein ist festzustellen, dass sich in Roanne die Keramik zwischen dem Beginn von Horizont 4 und dem Ende von Horizont 5 von Grund auf verändert. Diesem Wandel, ein halbes Jahrhundert vor der römischen Eroberung, liegt eine Neuorganisation der Produktionsmethoden zugrunde, welche auf eine zunehmende Zentralisierung und verstärkte Rentabilität ausgerichtet sind.
Besonders erwähnenswert sind die Topfe vom Typ Besançon, die einzige einheimische Keramik, welche einen organisierten Handel ab dem2. Jh. v.Chr. bezeugt. Es sind Gefäße aus einem sehr graben und reichlich mit Feldspath gemagerten Ton, die in der Regel von Hand aufgebaut und speziell überarbeitet sind. Sie stammen vermutlich aus dem Morvan und sind während der ganzen Besiedlungsdauer sehr gut vertreten (Fig. 104). Die Gründe für die Beliebtheit dieser Keramik sind nicht klar; sicher wurde sie zum Kochen verwendet, möglicherweise auch als Transportbehälter für Lebensmittel.
Amphoren sind sehr häufig; meist handelt es sich um republikanische Weinamphoren. Erst ab Horizont 3 sind sie in bemerkenswerter Anzahl vertreten; mit Horizont 6 nehmen sie wieder ab und werden durch keine neue Form ersetzt. Ihre typologische Entwicklung bereitet noch immer Schwierigkeiten. Trotzdem entspricht ihre Auflistung gemäß der Höhe des Randes der Entwicklungder übrigen Keramik. Die sich daraus ergebende Seriation erlaubt es, die Chronologie von Roanne mit derjenigen anderer Fundstellen zu parallelisieren (Tabl. XI).
Vereinzelt festgestellte Inschriften geben Besitzernamen wieder. Sie liefern einen ausgezeichneten Indikator für die . Alphabetisierung bzw. für die Akkulturation der Schreibenden: Die keltischen Namen sind ab Horizont 4 in griechischen und ab Horizont 5 in lateinischen Buchstaben geschrieben.
3.3. Übrige Kleinfunde
Das vorhandene Schmuckensemble ist vor allem durch die Seltenheit von Glasschmuck (Ringperlen, Armringe) gegenüber demjenigen aus Metall (hauptsächlich Fibeln) gekennzeichnet. Von den 86 Fibeln besteht ein großer Teil aus Eisen; es kommen Formen vor, deren Verbreitung sich auf die Region beschränkt (z.B. Typen mit abgedeckter Spirale, Feugère 7a). Drahtförmige Eisenfibeln vom Mittellatèneschema erscheinen in den Horizonten 1 und 2, Fibeln vom Spätlatèneschema und mit Rahmenfuß (Nauheimer Fibeln, Fibeln Feugère 7a und drahtförmige Fibeln) in Horizont 3. In den jüngeren Abschnitten sind die Fibeln weniger gut vertreten (Fig. 129).
Waffen und (erstaunlicherweise) auch Werkzeuge und Geräte sind selten. Das einzige durch zahlreiche Webgewichte nachgewiesene Handwerk ist die Weberei. Einige wenige Elemente wie Gussformen und seltene Schlacken weisen auf Metallverarbeitendes Gewerbe hin. Bei der Keramik kann aufgrund bestimmter Eigenheiten, die im Material von Feurs nicht vorkommen, auf lokale Produktion geschlossen werden.
3.4 Die Münzen
Mit 250 keltischen Münzen ist der Bestand dieser Fundkategorie relativ grosso Bemerkenswert ist, dass ein großer Teil in die Stratigraphie eingebunden und damit datiert werden kann. Das Ensemble von Roanne gehört zweifellos ins Umfeld des Häduer / Sequaner-Spektrums, das charakterisiert ist durch das häufige Auftreten von Potinmünzen vom Typ « à la grosse tête » (57% der bestimmbaren Münzen). Die chronologische Abfolge (Fig. 133) zeigt eine Anlaufsphase mit massaliotischen Obolen im 3. Jh. und eine darauf folgende Phase (Horizont 1, erste Hälfte 2. Jh. v.Chr.) mit zusatzlichen (regionalen?) Obolen-Imitationen. Potinmünzen erscheinen ab Horizont 2 und herrschen bis Horizont 6 vor, in welchem dann die römischen Münzen in Erscheinung zu treten beginnen.
lm Prinzip ändern sich die Münzen bis zum Auftreten des römischen Geldes kaum, was zum Ausdruck bringt, dass dem keltischen Münzumlauf noch im ganzen 1. Jh. v.Chr. enge Grenzen gesetzt war.
3.5 Die Knochen
Dreißig Fundkomplexe mit über 14'000 Knochenfragmenten wurden untersucht. Die Verteilung der Haustierarten zeigt das für spätkeltische Siedlungen übliche Muster, wobei das Rind eher über- und das Schaf eher unterrepräsentiert ist (Rg. 155). Die Anteile der Schweineknochen nehmen stetig ab. Rind und Schwein zeigen für den gleichen Zeitabschnitt in Roanne eine größere Statur ais in Nordfrankreich. Das Einkreuzen importierter Tiere lässt sich aber nicht belegen. Nachgewiesen ist hingegen in Horizont 4 die Einfuhr eines großwüchsigen Pferdes. Die Auswahl des Schlachtviehs weist auf einen nur geringen Fleischkonsum hin.
4. Synthese
M.-O. LAVENDHOMME, V. GUICHARD
4.1. Die Probleme bei der Datierung
Die Verknüpfung chronologischer Systeme auf der Grundlage der Keramik ist zwischen weit entfernten Regionen anerkanntermaßen problematisch. In erster Linie eignen sich die Südimporte, die Münzen und die Trachtbestandteile zum überregionalen Vergleich.
Dabei muss (bis zum Beweis des Gegenteils) angenommen werden, dass der Zeitraum der Verwendung eines bestimmten Typs überall der gleiche ist. Das vorgeschlagene Chronologiegerüst ist mit sechs Horizonten um einiges feiner ais das üblicherweise benutzte System, das denselben Zeitraum in vier Stufen zu gliedern pflegt (LT C2, Dl, D2 und augusteisch). Innerhalb dieses allgemeinen Rahmens wurden bereits früher verschiedentlich feinere Unterteilungen vorgeschlagen, z.B. im östlichen Pariserbecken, am Mittelrhein und im schweizerischen Mittelland). Eine Korrelation mit dem in Roanne herausgearbeiteten System bleibt aber schwierig.
Unter Berücksichtigung verschiedener Referenzmerkmale (Datierung der Südimporte und der Münzen in Siedlungen mit einem terminus ante quem wie z.B. in Karthago, in Alesia und in verschiedenen Limeskastellen) ist es möglich, eine ungefähre Zeitangabe für jeden Horizont vorzuschlagen. Diese Daten wurden gegenüber den für Feurs vor einigen Jahren angegebenen Zeitmarken (Vaginay und Guichard 1988) etwas zurückversetzt. Dendrodaten von Siedlungen aus ähnlichem kulturellem Umfeld wie Roanne (z.B. aus Besançon und Yverdon) lassen sich zu Kontrollzwecken heranziehen.
4.2 Die Wirtschaftsweise
Die Grabungsresultate ermöglichten es, den stetigen Ausbau des Münzsystems zu verfolgen, welcher am Ende des 2. Jh. v.Chr seinen Höhepunkt erreichte. Man muss sogar davon ausgehen, dass mit der Romanisierung ein Rückgang des Münzumlaufs stattfindet: Verstärkt treten dann leichte Typen aus minderwertigem Metall in Erscheinung; gleichzeitig nimmt der Verlust von Münzen ab.
Ebenfalls feststellbar ist eine zunehmende Intensivierung der Verbindungen zur Mittelmeerwelt, die gegen Ende des 2. Jh. v.Chr. mit einer erhöhten Einfuhr von italischem Wein ihre Blüte erreicht. Innerkeltische Verbindungen sind wesentlich schwieriger auszumachen. Mindestens zwei derartige Austauschvorgange waren nachweisbar: Mühlsteine stammen vermutlich aus dem Morvan und der Auvergne, Töpfe vom Typ Besançon kommen wohl ebenfalls aus dem Morvan. Möglicherweise ist auch der Glasschmuck importiert, da seine Spärlichkeit eine Produktion am Ort unwahrscheinlich macht.
Subsistenzwirtschaft lässt sich nur anhand der Archäozoologie erschliessen:- Diese zeigt ein für alle Siedlungen am Ende der Latènezeit typisches Bild. Sicher nachgewiesenes Handwerk (wie z.B. die Weberei) ist rar, was aber möglicherweise auf die Grabungstechnik zurückzuführen ist. Das Detailstudium der Keramik, die wohl größtenteils am Ort hergestellt worden ist, erlaubt es immerhin, einige Entwicklungstendenzen herauszulesen. So ist erst ab dem 1. Jh. v.Chr. mit einer gewissen « Industrialisierung » zu rechnen. Sie drückt sich aus in einer Optimierung der Herstellungstechniken und in einer gewissen Vereinheitlichung des Formenspektrums, was einher geht mit einer Verarmung des Zierrepertoirs. Es ist sogar anzunehmen, dass zu diesem Zeitpunkt der Grundstein zu « industriellen » Töpfereien gelegt worden ist, wie sie dann ein Jahrhundert später in Mittelgallien so häufig sein werden.
4.3 Dersegusiavische Kulturkreis
Das Münzspektrum verbindet Roanne und das ganze Gebiet der Segusiaver mit der Einflusssphäre der Häduer und bestätigt somit Cäsars Aussage, wonach die Segusiaver von ihren mächtigen Nachbarn abhängig gewesen sein sollen. Die einheimische Keramik zeigt auffällige Gemeinsamkeiten mit andern Siedlungen, die ebenfalls dem Herrschaftsgebiet der Segusiaver zugerechnet werden : Ausser dem Umland von Roanne ist dies die Ebene von Forez sowie die Region Lyon. Dieser eigenständige Kreis bildet sich seit dem 2. Jh. v.Chr. heraus und unterscheidet sich deutlich vom umliegenden Gebiet, besonders von der Auvergne. Andererseits sind auch ähnliche Entwicklungen (selbstverständlich mit Unterschieden in den Details) wie im Norden des Zentralmassifs feststellbar. Gemeinsam ist allen z.B. die Entwicklung der bemalten Keramik im 2. Jh. v.Chr.
Die Auswirkungen der Oppida-Gründung im Einzugsgebiet von Roanne, vermutlich zu Beginn des 1. Jh. v.Chr., sind schwierig abzuschätzen. Die archäologischen Fakten legen im 1. Jh. v.Chr. einen Niedergang nahe, des sen Ausmasse aber nicht präzisiert werden können. Bemerkenswert bleibt jedoch die Tatsache, dass der Siedlungsplatz Roanne nicht aufgegeben wurde, wie dies andernorts geschehen ist. lm Gegenteil, mit dem Beginn der augusteischen Zeit .beschleunigt sich der Aufschwung von Roanne, wahrend das Oppidum von Joeuvre nach der römischen Eroberung eher an Bedeutung verlor. Für das ganze Gebiet der Segusiaver ist ein analoger Vorgang festzustellen: Die Episode der Oppida ist relativ kurz; die viel größere Wirkung für die gallo-römische Entwicklung geht von den bereits im 3./2. Jh. v.Chr. gegründeten Siedlungen aus. Genau genommen scheint es, dass zum Zeitpunkt der römischen Eroberung sowohl die Siedlungsstruktur wie die Wirtschaftsorganisation des gallo-römischen Roanne bereits weitgehend vorgegeben waren.