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dAf 59


WYSS Michaël (ed.)

Atlas historique de Saint-Denis

Des origines au XVIIIe siècle

1973 begannen in Saint-Denis, anlässlich der Verlängerung der Pariser-U-Bahnlinie n°13, die ersten stadtarchäologischen Ausgrabungen. Seit 1977 sind mehr ais 13ha der Innenstadt das Objekt einer grossflächig angelegten Rettungsgrabung. Die vom städtischen archäologischen Dienst (Unité d'archéologie) unter der Leitung von Olivier Meyer durchgeführten Feldarbeiten wurden 1992 abgeschlossen. Die vorliegende archäologisch-historische Synthese fusst auf einer Gegenüberstellung von Archivalien und den neuesten Ergebnissen der archäologischen Forschung. Der besseren Übersichtlichkeit halber ist die Kapitel- und Paragrapheneinteilung zuerst nach topographischen, dann nach chronologischen Eigenschaften geordnet.

 

1. Mausoleum et basilica

Die Basilika von Saint-Denis, eine der vomehmsten Grablege der französischen Monarchie, geniesst ihre Achtung durch den Besitz der Reliquien des hl. Dionysius, des ersten Bischofs von Paris, der im Laufe des 3Jh. den Märtyrertot erlitt. Die Legende hat aus ihm eine schillernde Persönlichkeit gemacht, galt er doch ais Verbreiter des Christentums in Gallien, Jünger des Apostels Paulus (Dionysius Areopagita) und Autor mystischer Schriften.

Die frühesten Nachrichten über die erste Basilika finden sich bei Gregor von Tours und mehreren Hagiographen des Frühmittelalters. Die Ausgrabungen, die seit dem 19.Jh. im Baugrund der heutigen Kathedrale im Gange sind, haben Überreste einer mehrmals vergrösserten merovingerzeitlichen Cœmeterialkirche sichtbar gemacht, deren Ursprung vermutlich ins 4.Jh. reicht. Die Baubeschreibung der Dionysiusbasilika aus dem Jahre 779 und die zwei ersten Teile des 834 abgeschlossenen Mirakelbuchs des hl. Dionysius, beziehen sich auf den 775 von Abt Fulrad geweihten karolingischen Neubau. Gegen 800 erweiterte Karl der Grosse die Kirche im Westen und im Jahr 832 fügte ihr Abt Hilduin im Osten eine Marienkapelle an. Zwischen 1075 und 1087 stiftete Wilhelm der Eroberer einen Turm. Karolingisch ist die in die Apsis eingebaute Ringkrypta, aber deren Verlängerung durch eine dreischiffige Aussenkrypta ist romanisch. Die Architekten des 19. und 20.Jh. haben diese Gebäudeteile überarbeitet.

Abt Suger berichtet persönlich über die von ihm untemommenen Reparatur- und Erweiterungsarbeiten. 1140 vollendete er das Westwerk und 1144 konnte er das neue Chorhaus einweihen. Nach dem Brandvon1219, errichtete man einen neuen Nordturm, gekrönt mit einer Spitze. Wegen Einsturzgefahr musste dieser Turm in den Jahren 1846-47 abgebrochen werden. Auch der Kapellenkranz der Ostanlage ist während der französischen Revolution und den nachherigen architektonischen Eingriffen zu Schaden gekommen. Zwischen 1231 und 1281 wurden nacheinander der Chor aufgestockt, das Querhaus errichtet und dieses mit einem Langhaus an das Westwerk geschlossen.

Suger versah die Abteikirche mit einer liturgischen Ausstattung welche sich zunehmend bereichert hat. Nach den Plünderungen des 15. und 16.Jh. wurde der Mönchschor mit dem Anwachsen der Zeremonien des Ancien Régime umgearbeitet. Davon berichten die beiden Geschiclitswerke von J. Doublet (1625) und M. Félibien (1706), sowie die Annalen des letzten Organisten der Abteikirche, F.- A. Gautier (1748-1823).

Nach der Revolution wurden Versuche angestellt, die Basilika erneut zu einer königlichen Grabstätte zu erheben. Die Kirche wurde zum Objekt mehrerer Bauvorhaben deren kritisches Studium, im Hinblick auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der noch erhaltenen Architektur, unerlässlich ist. 1847 wurde die Bauleitung an Viollet-le-Duc übertragen ; er machte sich an die Wiederherstellung der Innenausstattung.

 

2. Cimeterium et ecclesiae

lm Norden der Basilika haben die Ausgrabungen der Unité d'archéologie den Beweis eines grossen Friedhofs ad sanctos erbracht. Während des 7Jh. war das Gräberfeld mit einer Folge von Grabkapellen und Galerien begrenzt.

Eine Abfolge von Umbauten deutet einen Funktionswandel der Kirchen an. So bestand vielleicht schon seit dem 9.Jh. bei der Kirche Saint- Paul ein Kanonikerstift. lm Laufe des 12.Jh. und zu Beginn des 13.Jh. fügten sich weitere Pfarrkirchen in den Gebäudekomplex.

Als Folge des Hugenottenkrieges (1567) beschleunigte sich der Zerfall. Die baufälligen Kirchen wurden aufgelassen und deren Pfarrgemeinden den beiden übrig gebliebenen Kapellen zugewiesen : der Kapelle Saint-Michel und der um1600 errichteten Pfarrkirche der Trois-Patrons. Mit dem 1572 begonnenen Bau der Grabkapelle der Valois dehnte sich die königliche Grablege auf den Aussenfriedhof der Abteikirche aus.1719 wurde die nie vollendete Rotunde abgerissen.

 

3. Monasterium

Gregor von Tours berichtet erstmals von Hütern an der. verehrten Grabstätte. Während der ersten Hälfte des 7Jh. versuchten Dagobert 1.und Chlodwig II. der Gemeinschaft eine monastische Lebensweise anzuordnen. Geleitet von den einflussreichsten Âbten des Karolingerteiches, schwankte das Kloster längere Zeit zwischen der Benediktusregel und der freieren Lebensführung der Kanoniker. 867 wurde Karl der Kahle zum Abt von Saint-Denis ernannt und bis zu Beginn des 11.Jh. wurde das Kloster von Laienäbten verwaltet, mit der Pflicht, drei Mal im Jahr den Königshof zu empfangen. lm Norden der Abteikirche zeugen ein karolingischer Profanbau mit einer dazugehörigen Wasserleitung von einer monumental en Anlage die wir hypothetisch mit einem Palast identifizieren.

Im .13Jh. zählt das Kloster bis 150 Mönche. lm Süden der Abteikirche befanden sich die nach monastischer Tradition um den Kreuzgang angelegten Konventgebäude. Das Kloster war von einer schützenden Mauer umgeben, die mit den befestigten Pforten einen wehrhaften Charakter hatten.

1633 wurde die Abtei von der Kongregation von Saint-Maur reformiert. In der Folge wurden die veralteten mittelalterlichen Bauten abgerissen um Platz für den von Robert de Cotte entworfenen, im Jahre 1700 begonnenen Neubau zu schaffen. F.-A.Gautier gibt uns ein lebhaftes Bild von den Innenausstattungen ; diese wurden 1795 bei der Einrichtung eines Lazaretts und 1808 vom Internat der Légion d'honneur beseitigt.

 

4. Castellum, burgus siveurbs

Die kontinuierliche Besiedlung des Stadtzentrums geht in die Spätantike zurück. Zu den bisher bekannten Siedlungsspuren gehören einzig Nebenbauten und die Teilstrecke einer Nebenstrasse die wahrscheinlich von der Estrée abzweigte, der römischen Fernstrasse, die von Paris nach Rouen führte.

Der radio-konzentrische Plan der Ansiedlung bezeichnet das Kloster ais topographische Keimzelle der Stadt. 869 lies Karl der Kahle die Abtei befestigen, um sie vor dem Normanneneinfall zu bewahren. Die Ausgrabungen haben gezeigt, dass dieses castellum mit Wällen . und Wassergräben verstärkt war. Mit dem Aufblühen Saint-Denis, während des 12Jh., zeichnet sich die Stadtentwicklung ab. Die Siedlung erweiterte sich entlang der Hauptstrassen die im Zentrum auf die Panetière führten, ein Platz der religiöse, wirtschaftliche und gerichtliche Funktionen vereinte.

Vor-und Nebensiedlungen entwickelten sich bei den Kirchen ausserhalb des castellum. 1328 zählte Saint-Denis 13 Pfarreien und 2 351 steuerpflichtige Feuer. Bei Eröffnung der französisch-englischen Feindseligkeiten zog sich die Stadt in den Schutz einer neuen Befestigung zurück. Aus strategischen Gründen wurde ein Teil der Vorstädte geschleift.

Zwischen 1410 und 1436 wurde die Stadt erst von .den Bourguignons, dann den Armagnacs und den Engländern gestürmt. lm ausgehenden 16Jh., während der Religionskriege, diente die befestigte Stellung der Belagerung von Paris. Die darauf folgende Reduktion der bebauten Flächen zu Beginn des 17 Jh., begünstigte die Niederlassung von 5 Ordensgesellschaften, deren Klosteranlagen das Wachstum der Stadt bis in die Zeit der Revolution blockierten.

Über die Stadt herrschten die Abtei, das Kanonikerstift Saint- Paul, das Priorat Saint-Denis-de-l'Estrée und die Herren von Montmorency. Für die Verwaltung seines Grundbesitzes verfügte der Abt über ein Gefolge von geistlichen und weltlichen Beamten.

Das 1411 als Cartular angelegte «Livre vert de Saint-Denis» vermittelt Einblick in das Wirtschaftsleben der Stadt. Das Buch kodifiziert Vorschriften und Privilegien für Handwerker wie Bäcker, Metzger, Weber, Walker, Färber, etc. ; es organisiert die tägliche Lebensmittelversorgung, Wochen- und Jahrmärkte ; es hältt die Import- und Transitabgaben fest. Auch die von den Mönchen zur allgemeinen Verfügung gestellten Infrastruktureinrichtungen der Stadt wie Backöfen, Mühlen, Markthallen und Eichgeräte werden genannt.

 

5. Territorium

Mit der Estrée und der Seine war Saint-Denis von Anfang an einem Netz wichtiger Verkehrswege angegliedert, die es der Abtei ermöglichten die Abgaben ihrer weitgestreuten Besitzungen in der Region von Paris und den nördlichen Gebieten Frankreichs einzuziehen. Für die Versorgung der Baustellen mit Baumaterialien kam die Schiffahrt auf. Der Besitz des grossen Seinemäanders berechtigte die Abtei in den Häfen, Zoll auf das Transportgut zu erheben.

Ein sternförmiges Netz von Wegen verband Saint-Denis mit seiner Umgebung. Zu Beginn des 9.Jh. liessen die Mönche einen Kanal anlegen um das Wasser des Croult in Richtung der Abtei abzuleiten. In der Folge hat die Energie des Baches das Erstellen von Mühlen begünstigt.

Die Flurnamen offenbaren uns die Bewirtschaftung der Felder. Die Einkommenserklärung des Hofes von Merville beschreibt 1399 die Nutzung der Böden eines Landgutes.

Eine Fülle von Plänen und Schriftquellen erleichtert die Kenntnis der städtischen Bannmeile. Mehrere Akten beziehen sich auf die 1704 beschlossene Umgrenzung des städtischen Territoriums. Gleichzeitig wurden Feldmesser von der Abtei beauftragt die Länder der vier an Saint-Denis grenzenden Landgüter (La Courneuve, Saint- Léger, Aubervilliers, La Chapelle) abzustecken.

Seit Beginn des 12.Jh. fand in der Ebene zwischen Saint-Denis und dem Dorf La Chapelle die Lendit-messe statt. Die zahlreichen Archivalien die sich auf diesen Jahrmarkt beziehen, dokumentieren topographisch das Messegelände, das sich auf dem Boden der Abtei, entlang des Pflasters der Strasse nach Paris befand. Aus Sicherheitsgründen wurde der Lendit 1556 auf die Panetière verlegt.

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