dAf 40
COLARDELLE Michel, VERDEL Éric
Les habitats du lac de Paladru (Isère) dans leur environnement
La formation d'un terroir au XIe siècle
1. Einleitung
Der Paladrusee hat seinen Ursprung in der Eiszeit. Er liegt in der Nähe des Voralpenmassifs der Chartreuse, 500 m über dem Meeresspiegel, inmitten von Morânenhügeln, in der Gegend östlich von Terres Froides.
Das eher nordisch geprägte Klima dieses steinigen Landstriches mit schweren Böden, bescheidener Ergiebischkeit mit jährlichen Niederschlägen von 1160 mm durchschnittlich und viel Wind, ist eher unwirtlich. Überwiegend mit Wald, Buschwerk und Wiesen bewachsen, ist hier traditionell Ackerbau und Viehwirtschaft, vorwiegend Rinderzucht, ansässig.
In dem Tal der Fure (die in dem See entspringt) hat sich jedoch seit dem Mittelalter eine aktive und qualitätvolle Metallurgie entwickelt, die durch die Wasserantriebskräfte, den Holzreichtum, die Nähe des Eisenerzes der Chartreuse, sowie den Ausfluss der Isère begünstigt wurde.
In historischer Hinsicht ist der .Paladrusee lange Zeit abseits der grossen Völkerbewegungen geblieben. Am Ende des Neolitikums, um 2750 v.Chr., ist er zeitweise besiedelt gewesen (Dorf "der Baigneurs"), seine Ufer wurden in römischer Zeit, wohl wegen des recht kargen Bodens und der Entfernung der Hauptverkehrswege, nur sporadisch besucht. Während des frühen Mittelalters änderte sich dies kaum. Das Land gehörte in dieser Zeit, wahrscheinlich seit dem. 9. Jh., zur "Grafschaft" oder "pagus" Sermorens, deren Machtzentrum sich im 15 km entfernten Voiron befand, an der Stelle einer grossen, gallorömischen Villa der frühen Kaiserzeit.
Diese 1107 zerstückelte territoriale Einheit war seit Ende des 11. Jh. der Streitapfel der Erzbischöfe von Vienne und der Bischöfe von Grenoble und wurde durch päpstliche Schlichtung aufgeteilt. Von den 22 Burggrafschaften, aus denen sich das Territorium zusammensetzte, werden die von Paladru, Virieu und Clermont genannt, die dem Erzbischof von Vienne zufielen. Dieser Text, der erste, der Paladru namentlich erwähnt, erweist einwandfrei das Bestehen von Fronhöfen in der unmittelbaren Umgebung des Sees. Ihre Entstehung um die Motten, die in den Jahren um 1040-1050 erscheinen, ist also die Folge der Aufgabe der befestigten Ufersiedlungenzwischen1030 und 1040. Aber die extreme Seltenheit der schriftlichen Quellen aus dieser Zeit erlaubt es nicht, die Umstände der Herausbildung der ersten Adelsgeschlechter zu erhellen, die nur die Archäologie dokumentieren kann.
Die beiden Fundstätten von Charavines, Les Baigneurs und Colletière, sind erst Anfang des 20. Jh. von Hippolyte Müller identifiziert worden. Dieser stellte einige Beobachtungen der mittelalterlichen Siedlung an und setzte sie mit Recht mit Les Grands Roseaux zeitlich gleich.
Als 1971 ein Projekt der Ufererschließung zugleich die jungsteinzeitliche und die mittelalterlichen Fundplätze bedrohte, wurde parallel mit Rettungsgrabungen begonnen. Bis 1986 waren die finanziellen Mittel der Forschungsarbeiten von Colletière begrenzt, dann aber wurde eine mehrjährige Autorisation des Kulturministers erteilt und der Staat, das Departement Isère und die Stadt Grenoble unterzeichneten einen Vertrag, dessen finanzielle Mittel eine systematische Erschliessung ermöglichte. Gleichzeitig finanziert das "Programme pluriannuel en sciences humaines Rhône-Alpes" seit 1985 Untersuchungen der Paläoumwelt.
Die subaquatischen Fundplätze bieten den Vorteil, dank der ausserordentlichen Konservierung der organischen Reste, die normalerweise im Erdboden zerstört werden, einer aussergewöhnlich reichen archäologischen Dokumentation. Colletière besitzt ausserdem die Eigenheit, daß es hier nach 1000 weder eine Besiedlung noch grosse Störungen der Siedlungverhältnissen gegeben hat. Diese Fundplatze verdienten also die Anwendung ihr angepasster Erschliessungsmethoden. lm Laufe einiger Jahre wurden, gemeinsam mit den Vorgeschichtlem, die das benachbarte Dorf Les Baigneurs ausgruben, dem Milieu angepasste Forschungsmethoden entwickelt, aus denen sich das Verfahren langsam herauskristallisiert hat.
Wenn die Bathymetrie hoch genug ist, installieren Taucher in der gewählten Zone einen dreieckigen Metallrahmen, von 5 m Seitenlänge," der nach dem allgemeinen Raster der Grabungsstätte ausgerichtet ist. Jedes grosse Dreieck wird in 25 kleine metrische Dreiecke aufgeteilt , die die Grabungs, - und Fundobjektentnahmeseinheit darstellen, nach der alle Zählungen und Verteilungskarten erstellt werden.
Vorher sind an verschiedenen Punkten mehrere Bohrkerne des Sediments entnommen worden, um die Schichtenkunde besser zu erkennen und Sedimentanalysen im Labor vorzunehmen. Die archäologischen Schichten werden manuel abgehoben und in Eimern restlos gesammelt, um später gesiebt zu werden. Um die meist sehr schlechten Sichtverhältnisse zu verbessern, werden die Schwebepartikel durch ein System elektrischer Pumpen abgesaugt.
Bei niedrigem Wasserstand ist es manchmal möglich auf dem höher gelegenen Teil der Station auf dem Trocknen zu graben. In diesem Falle bleiben die angewandten Methoden die gleichen, aber man kann mehr und grössere Flächen zugleich graben, und die Spezialisten der Paläoumweltforschung entnehmen selbst, die ihnen nützlich erscheinenden, komplementären Proben. Die Bodenbeobachtungen und daraus resultierenden Interpretationen sind in diesem Falle von unvergleichbarer Qualität.
Die Auswertung der archäologischen Sedimente erfolgt in mehreren Etappen : Sieben mit Wasser durch verschieden feinmaschige Siebe, Sammeln der erhaltenen und fragmentarischen Gegenstände, die bei der Ausgrabung nicht gefunden wurden, petrographische Sortierung und Wiegen der Kieselsteine, der Fragmente aus gebranntem Ton und Holzkohle, erchöpfendes Sammeln der fossilen Samen und makrobotanischen Reste, der Knochen der Wasser, - und Landfauna. In dieser Phase werden die Fundobjekte auch inventarisiert, nummeriert und verpackt, bevor sie in speziellen Laboren entweder untersucht oder behandelt werden.
Von den verschiedenen Disziplinen, die zur Studie des lakustrischen Milieus herangezogen worden sind, haben die Sedimentologie und die Algologie übereinstimmend belegt, daß das Niveau des Paladrusees im Laufe der letzten 2000 Jahre bedeutend geschwankt hat. lm 2. und 3. Jh. unserer Zeitrechnung zwei oder drei Meter unterhalb des aktuellen Mittelwertes gelegen, ist es in der Foigezeit wieder an den Mittelwert angestiegen, um dann im Laufe des 10. Jh. erneut abzusinken. In dieser Regressionsphase, die die hochgelegenen Ufer des Sees freigelegt hat, konnten sich die Siedlungen des Jahres 1000 niederlassen. Der Wetter, - und Klimabedingte Ursprung dieser bathymetrischen Schwankungen, scheint nun, zumindest für das 10. und 11. Jh., klar bewiesen zu sein.
In fast allen Bohrkernen ist eine charakteristische Schicht erkennbar, die sich durch einen sehr hohen Anteil von Karbonaten auszeichnet, der aus der Beschleunigung des Niederschlagsprozesses aufgelöster Kreide resultiert, der durch die Erwärmung der Wasseroberfläche begünstigt wurde.
Andererseits zeigt das Verhaltnis 16O;18O, das in den Wachstumsringen eines architektonischen Pfahls von Colletière gemessen wurde, eine stärkere Ausdünstung als heute an, die als Wassermangel zu interpretieren ist, der durch eine Verringerung der mittleren Niederschlagswerte in der 2. Hälfte des 10. und zu Beginn des 11. Jh. hervorgerufen worden war.
Hingegen ist es ebenso wahrscheinlich, daß die gleichzeitige Aufgabe der Ufersiedlungen 30 Jahre nach ihrer Gründung durch ein erneutes Ansteigen des Wasserspiegels verursacht wurde, der die Häuser nach und nach überflutete. Es ist effektiv festgestellt worden, daß die Siedlungsschichten von Colletière und Grands Roseaux, ohne Übergang, von limnischem Kalk bedeckt worden sind.
Die Sedimentologie zeigt, parallel zu den limnischen Variationen, das Vorhandensein, zwischen den mineralischen Ablagerungen, mehrerer organischer Schichten, von denen nun einige durch Radiokarbon ins hohe Mittelalter datiert worden sind. Sie weisen einen erhöhten Phosphat Gehalt auf und zeugen von den ersten Bodennützungsversuchen am Ende der merowingischen oder im Laufe der karolingischen Zeit. Diese sporadischen Rodungen blieben jedoch sowohl zeitlich, als auch räumlich begrenzt. Dies verhält sich ganz anders mit den ausgedehnten Rodungen des Jahres 1000. Sie prägten auf tiefgreifende und entgültige Weise das lakustrische Milieu, das in der Folgezeit und bis zum heutigen Tage, die Spuren dieser Urbarmachung des Seegebietes trägt.
Das Studium der Paläoökologie hat das Forschunggebiet also auf das Bodenmilieu erweitert, um eine möglichst getreue Restitution des Landschaftsbildes im 11 Jh., vor und während der Kolonisation, zu erstellen. In diesem Sinne hat die Pedologie das landwirtschaftliche Potential geschätzt und die wichtigsten Bodenkategorien, nach Gesichtspunkten des geologischen Ursprungs, der geochemischen Zusammensetzung der Bodentextur, ihrer Hôhe und ihrer Lage, erstimmt. Die Entwicklung der . Pflanzendecke ist beurteilt worden, indem man die heutigen und fast heutigen Eigenschaften, die durch die Phytosoziologie bekannt sind, mit den Gegebenheiten verglichen hat, die die Pollenanalyse, die der fossilen Samen und der makrobotanischen Reste, die in den vor 1000 datierten lakustrischen Schichten eingeschlossen waren ergaben, und denen, die die archäologischen Schichten selbst auszeichneten. Die Gegenüberstellung dieser verschiedenen Informationen bestätigt, daß die Gegend des Paladrusees, vor der mittelalterlichen Besiedlung, weitgehend von einem Primärwald bedeckt war. Die, in wenigen Jahrzehnten durchgeführten, Rodungen waren umfangreich, und die entwaldeten Gebiete sorgfältig ausgewählt und entsprachen dem Bedarf an Nutzholz und an Anbauflächen für einen vielfältigen Getreideanbau. Die methodische Nützung der, von Natur aus vorhandenen, oder für die menschliche Emährung eingeführten Baumarten (Obstbäume) zeigt, daß die Kolonisation methodisch abgelaufen ist und den landwirtschaftlichen Mitteln und den Bedürfnissen und Nahrungsmitteln hervorragend angepasst war.
Die gleiche Beobachtung gilt für die Vieh, - vor allem Schweinezucht, die die Gegebenheiten des umliegenden Waldes bestens nützt. Der gute Gesundheitszustand der Herden, die, in Hinsicht auf das beste Nutz- Kostenverhältnis durchgeführten systematischen Schlachtungen, zeigen ebenfalls die guten fachlichen Kenntnisse der Hirten.
Wenn die Jagd sich in einem bescheidenen Rahmen hielt, so gehörte der Fischfang, bezeugt durch zahlreiche Fischreste und eine Fülle von Geräten, zu den regelmassigen Tätigkeiten, die die Ernährung, vor allem im Frühling und im Herbst, ergänzten.
3. Die Siedlung Colletière in Charavines
Die Siedlung Colletière ist nicht auf Pfählen, sondern direkt auf den Boden gebautworden. Heute vom Wasser bedeckt, lag sie auf einem Strand, der eine Landzunge bildete. Mehrere hundert verstreute Eichenpfähle und einige Bretterreihen sind die einzigen sichtbaren Überreste. Die Anordnung dieser Trägerelemente, die auf den ersten Blick anarchisch scheint, gehorcht bei naherem Hinsehen einer recht rigorosen Metrik, da die Durchmesser, Ausrichtungen und Intervalle Massen entsprechen, die sich regelmässig wiederholen.
Innerhalb eines, ungefähr rechteckigen, Palisadenzaunes, der eine Rache von circa 1300 m2 umschliesst, waren drei geräumige Wohngebäude errichtet, von denen zwei ausgegraben worden sind. Sie waren um eine Stabilationssohle herum erbaut worden, die sich aus gekreuzten und übereinandergelegten Bohlen zusammensetzte, die in den Grund eingerammt waren. Diese nach einem feststehenden Plan angelegten Häuser erfüllten klar differenzierte Funktionen. Das Zentralgebäude 1,massiger und höher, diente der herrschenden Familie als Wohnraum. Das Gebäude II beherbergte Bewohner von geringerem sozialen" Rang. Nebengebäude und überdachte Vorhöfe dienten den Haustieren als Stallungen. Zwischen den Häusern und der Palisade fanden Handwerkerwerkstätten in leichten Konstruktionen und offenen Höfen Unterkunft.
Die systematisch durchgeführten, sedimentologischen Analysen der archäologischen Schichten haben bestätigt, daß es sich um Hausmist handelte, der durch Ansammlung pflanzlicher Reste entstanden war.
Mehrere physikalische und chemische Angaben, wie z.B. der Gehalt an Phosphaten, das Verhältnis zwischen mineralischer Fraktion und organischer Fraktion, oder die Granulometrie der Ablagerungen, helfen die Grabungsbeobachtungen zu verfeinern. Diese vielfältigen Informationen erlauben es, gemeinsam mit der klassischen stratigraphischen Analyse, den Beobachtungen der Strukturen und der Verteilung der Fundgegenstände, die Funktionsverteilung in der Siedlung in den 30 Jahren ihrer Besetzung zu bestimmen.
Das gleiche interdisziplinäre Vorgehen, auf die wichtigsten Gegenstandsgruppen angewandt, führt sehr viel weiter als eine einfache typologische Klassifizierung. So haben die metallographischen Analysen der sehr zahlreichen geschmiedeten Werkzeuge und Nebenprodukte des Metallabbaus und der Metallverarbeitung ein bemerkenswertes Können erwiesen. Die dendrochronologische Bestimmung und die Analyse der Spurenelemente im Holz, das den meistverarbeiteten Rohstoff zeugen ebenso von einer hervorragenden Kenntnis der spezifischen Eigenschaften der verschiedenen Baumarten, die dem anzufertigenden Objekt entsprechend, ausgewählt wurden.
Die organologische Identifizierung der Musikinstrumente und der Teile von Spielen spiegeln die sozialen Unterschiede der Siedlungsbevölkerung wider. Die Einen spielen Schach und machten Musik "gehobenen" Niveaus mit komplizierten Instrumenten, die Anderen spielen Tricktrack und bedienen sich "populärer" Instrumente. Die reiche Ledersammlung bezeugt die Anwesenheit von Schustern und Sattlern, die die Felle der Zuchttiere verarbeiteten und die höchstwahrscheinlich am Ort behandelt wurden. Unter den zahlreichen Zuschneideresten, die noch nicht beschrieben und inventarisiert sind, kommen die von Beinkleidern, Gurtwerk, Gürteln und "Barbieren" vorwiegend aus den Abfallgruben der Siedlung.
Wenn man sich ausschliesslich auf die Artefakte beschrankt, könnte man den Fundplatz Colletière, sehr weiträumig, zwischen das 9. und den Anfang des 12. Jh. datieren. Die Geldmünzen, deren relativ grosse Anzahl das Wiederaufleben der Geldwirtschaft veranschaulicht, lässt auf eine beschränktere Zeitspanne schliessen, da die ältesten Münzen aus der Zeit Ende des 10. Jh. und die jüngsten aus den Jahren um 1030 stammen. Es ist jedoch bekannt, wie unzuverlässlich Datierungen auf numismatischer Basis sind, wenn nicht die Umlaufszeitspanne des Geldes berücksichtigt wird.
Die Datierungen der Radiokarbonmethode, deren Unsicherheitsfaktor durch die Anzahl der Messungen vermindert worden ist, ergibt übereinstimmende Werte, die die Siedlung zwischen 994 und 1021 ansetzen. Die Dendrochronologie, die bis vor wenigen Jahren mangels einer vorliegenden regionalen Vergleichsskala noch recht unsicher war, sagt aus, daß das für die Konstruktion geschlagene Bauholz zwischen 1003 und 1004 gefällt worden war und, daß die letzten Ausbesserungen 1034 erfolgten. Diese Termini, die aus Gründen der Vorsicht bis zum Abschluß der Ausgrabungen als hypothetisch gelten müssen, können nicht destoweniger als wahrscheinlich angenommen werden, besonders wenn man sie in Verbindung mit den Kenntnissen über die Wasserstandsvariationen dieser Zeit bringt. Schwerlich widerlegbare Indizien legen meteorologische Veränderungen nahe, die die Aufgabe Colletières, das mehr und mehr unter Wasser stand und nach 1035 verlassen war, verursacht haben.
In römischer Zeit gehörte die Gegend um Paladru zum Territorium der Stadt Vienne, die ihreseits von der, 121 v.Chr. eroberten Provinz Narbonnensis abhing. Aber die ersten Anzeichen menschlicher Anwesenheit in der Umgebung des Sees stammen erst aus den Anfängen der Kaiserzeit. Und auch da handelt es sich nur um bescheidene Bauemhöfe in den, dem See zugewandten Talsohlen, oder um Fischereien, die direkt auf den Ufern des Sees eingerichtet waren. Keine dieser Fundstatten scheint später als ins 3. Jh.n.Chr. datiert werden zu können, und bis heute sind keine Spuren aus merowingischer Zeit bekannt, abgesehen von den "Villae", die, an der westlichen Grenze des Beckens, dem Bourbetal zugewandt waren, dessen Böden und Lage für die Landwirtschaft geeigneter waren.
Abgesehen von wenigen Anzeichen einer zeitlich begrenzten und bescheidenen Bebauung im Laufe des 9. Jh., die anhand der Analysen der Ablagerungen im See und der Pollen erkannt wurde, ist die Gegend erst seit Beginn des 11. Jh. auf längere Zeit erschlossen und besiedelt worden. Ausser Colletière sind zwei weitere Ufersiedlungen aus der gleichen Zeit bekannt: Le Pré d'Ars in Le Pin und Les Grands Roseaux in Paladru. Die Probegrabungen, die E. Chantre Ende des 19. Jh. in Les Grands Roseaux vorgenommen hat, haben viele Fundobjekte aus Holz, Metall und Keramik geliefert. Typologisch mit denen aus Colletière übereinstimmend, bestätigen sie ebenso wie die architektonischen Überreste, die Zugehörigkeit dieser Siedlungen zum gleichen kulturellen Horizont. Der Fundort Pré d'Ars, der seit 1870 20 'm unter der Wasseroberfläche liegt, folgt dem gleichen Model!. Da er aber teilweise auf einem höheren Uferabschnitt gebaut, und dadurch vor Überschwemmungen geschützt war, ist er bis ins 13. Jh. bewohnt gewesen.
Auf dem Grund des Sees ist, durch Zufall, ein hervorragend erhaltener Einbaum aus dem 14. Jh. entdeckt worden. Seine eingehende technische Studie war um so bedeutender, als man über diese Art mittelalterlicher Boote sehr wenig weiß. Darüber hinaus sind ähnliche Einbaume indirekt in Colletière für das Jahr 1000 belegt, denn man hat zahlreiche Gerätschaften der Binnenschiffahrt und Fischerei gefunden.
Das Hügelland um Paladru birgt ein djçhtes Netz von Burgplatzen, die auf den Höhen errichtet waren. Die grösste und am besten erhaltenste Motte ist die von Chatelard in Chirens. Sie ist Objekt einer umfangreichen Ausgrabung gewesen. An einigen anderen Motten sind Probegrabungen oder nur Prospektionen vorgenommen worden. Auf den Burgplätzen ist wesentlich weniger Material vorgefunden worden, dies ist dem der Ufersiedlungen jedoch sehr ähnlich. Die eingehende Studie der in Chatelard gefundenen, Keramik, sowie deren Dekore, legt eine leichte zeitliche Verschiebung mit den Ufersiedlungen nahe. Die gegenwärtig zur Diskussion stehende Hypothese besagt, daß die Befestigungen (von denen keine schriftlich Quelle belegt ist) kurze Zeit nach den drei Ufersiedlungen, vielleicht sogar gleichzeitig mit deren Aufgabe (1030 / 1040), erbaut worden waren. In diesem Falle entspräche dieser Wechsel der Herausbildung der ersten Burgherrenfamilien, die die Herren der, am Seeufer ansässigen domanialen Zentren, ablösten. Manche Motten waren nur kurz, d.h. nicht länger als bis 1070, besetzt. Ihr vorzeitiges Verlassen spiegelt höchstwahrscheinlich die schnelle Konzentratrion der Macht und die dadurch bedingte Redüzierung der Burgherrschaften, die von stärkeren Nachbarn vereinleibt wurden. Manche Familien schafften es jedoch dieser Machtkonzentration standzuhalten und auf ihren Motten zu bleiben. Seit dem Beginn des 12. Jh. werden diese "Castra" in mehreren Texten namentlich erwähnt. Es fehlen allerdings Angaben darüber, ob es sich um Befestigungen aus Erde und Holz oder um Schlôsser aus Stein handelte. Die heute noch bestehenden Schlösser, wie Château-Vieux in Paladru oder Clermont in Chirens, lassen keine gemauerten architektonischen Elemente erkennen, die älter als das 13. Jh. sind. Soli man daraus schliessen, daß über lange Zeitspannen existierende Motten sich bis zu diesem Zeitpunkt erhalten haben, als sie durch gemauerte Gebäude ersetzt wurden ? Nur systematische Grabungen können zeigen, ob es Zwischenstadien gegeben hat, die nur noch im Grundriss erhalten sind. Wenn die Kapellen und Privatkirchen in dem ganz nahen Tai der Bourbe aus dem ersten Mittelalter (7.-9. Jh.) stammen, so muß die Anlage des Gemeindekirchennetzes um den Paladrusee die Bewegung der "Verschlossung1, die das 11. Jh. kennzeichnet, begleitet haben und dadurch beigetragen haben, die Siedler auf den neugeschaffenen Gebieten seßhaft zu machen und zu betreuen. Die Glaubenskriege, die Gegenreform und die Revolution sind in dieser Gegend unglücklicherweise nacheinander für die teilweise oder völlige Zerstörung der mittelalterlichen Kirchen verantwortlich. Sehr viele von ihnen sind im 17. Jh. völlig neu erbaut worden, nachdem die bestehenden, zu verfallenen oder zu eng gewordenen Gebäude abgetragen worden waren. Aus diesem Grund ist man hier, fast ausschliesslich, auf Archivtexte angewiesen, die vardem13. Jh. selten sind, um die Erbauungszeit und den ungefähren Standort der meisten dieser Kirchen zu bestimmen. Dies verhält sich anders bei den Klostergründungen der Benediktiner oder Kartäuser. Das Kartäuserkloster von Silve Benite in Le Pin, das 1116 gegründet worden war, wurde im 16. Jh. zerstört und in einiger Entfernung von den Ruinen des ursprünglichen Klosters wiedererbaut, und läßt so den Großteil der Überreste für eine künftige Grabung zugänglich. Der Fall des kluniazensischen Priorats Notre-Dame-clu- Gayet in Chirens, das zweifellos dank der Großzügigkeit der ersten Herren von Chirens erbaut wurde, liegt noch günstiger, denn, obwohl es am Ende der Gotik Umbauten erfahren hatte, bleibt es immer noch ein gutes Beispiel der romanischen Architektur des Dauphiné in der zweiten Hälfte des 11. Jh.
5. Interpretationen und Forschungsrichtungen
Abseits der Hauptbevölkerungsgebiete gelegen, sind die Siedlungspuren im Altertum um den Paladrusee recht selten und zeitlich begrenzt, obwohl eine leichte Klimaerwärmung - für die es ebenfalls anderorts in Europa Anzeichen gibt - die Senkung des Wasserniveaus des Sees bewirkt hat und dadurch die Niederlassung einiger kleiner Siedlungen an den Ufern ermöglichte. Diese spärliche und verstreute Bevôlkerung scheint während des hohen Mittelalters nicht anzuwachsen.
lm Laufe des 10. Jh., nach dem Temperaturrückgang in der Zeit des römischen Spatreiches und dem erneuten Ansteigen des Wasserspiegels, erwärmt sich das Klima wieder und bewirkt, in Etappen von 30 Jahren, eine neue Senkung des Wasserspiegels. Auch hier bestätigen und verfeinern die, am Paladrusee in verschiedenen Disziplinen (Sedimentologie, isotopische Dosierungen, u.s.w.), Beobachtungen durch ihre chronologische und quantitative Genauigkeit, die anderweitig, auf wissenschaftlicher Basis formulierten Hypothesen, aber auch seltene existierende Texte. Die Beobachtung dieses Phänomens, das der recht massiven Besiedlung der Ufer des Paladrusees, aber auch aller voralpinen Mittelgebirge, und zahlreicher unbewohnter Gegenden Europas am Anfang des 11. Jh. (hier 1003-1004) vorausgeht, erlaubt die Teilnahme an der Diskussion über die Gründe der "Révolution des Jahres 1000" : im 10. Jh. existiert effektiv eine günstige klimatische Phase, die geeignet ist, über die Verbesserung der landwirtschaftlichen Erträge und, daraus folgernd der Ernährung und wirtschaftlichen Rentabilität, das demographische Wachstum und die soziale Entwicklung, die diese Zeit kennzeichnen, zu erklären.
Die Ufersiedlung von Colletière ist Ausdruck dieser Wandlung. Ihre Anlegung war begleitet von einer Rodung, massiv und kohärent genug, um nahezulegen, ohne daß dies in Abwesenheit von textlichen Belegen, entschieden werden könnte, dass sie nicht spontan, sondern gelenkt war. Die Bauart scheint hybrid oder eher im Wandel begriffen : aus Holz, Lehm und Stroh gebaut, hat sie die Form, übrigens technisch ausgezeichnet, eines organisierten und recht symetrischen Ganzen, das sich innerhalb eines mächtigen, ungefähr rechteckigen Palisadenzaunes entwickelt, und auf einer Halbinsel angelegt ist ; ein zentrales, einstöckiges Gebäude, das mit einem Kamin ausgerüstet ist, wird von Stallungen flankiert und von zwei weiteren Gebäuden umgeben. Das Zentralgebäude beherbergte wohl die herrschende Familie, wenn man von den Spuren der häuslichen Ausstattung ausgeht, die die Bewohner (Herren des Landgutes, dessen Zentrum die "Curtis" oder "Villa" darstellt) hinterlassen haben. Man kann es als "Aula" interpretieren. Aber der soziale Status der Bewohner der zwei anderen Häuser unterscheidet sich nur im Detail. Alle Bewohner der Siedlung sind Bauern (vorwiegend Getreide, - und Obstanbau) und Züchter (Schweine, Ziegen, Schafe und Rinder), sie bearbeiten aber auch Holz und Leder, weben, reiten und tragen Waffen. Die Innenhöfe auf der Strandseite teilten sich in zwei Kategorien auf, einerseits die Schmieden und wahrscheinlich Niederschachtôfen (Herstellung von Messern, Waffen, Reitzubehör und Werkzeug), andererseits Installationen für die Instandhaltung der Einbaume, der Fischemetze und für das Beschlagen der Pferde. Die Tiere wurden nachts innerhalb der Palisade auf der dem Hügel zugewandten Seite untergebracht.
Der Wald, vorwiegend Eichenmischwald, der die benachbarten Hügel bewuchs, ist schnell gerodet worden, und der gewonnene Boden ist bewirtschaftet worden, indem man die natürlichen, sehr unterschiedlichen Gegebenheiten optimal (Bodenqualität und Lage) für die Aufteilung des Getreideanbaus (Roggen, Weizen, Hafer und Gerste), der Obstgärten, Wiesen und Kleingarten (vorwiegend Hanf, einige Erbsensorten, Bohnen und Linsen) genutzt hat. Wenn es auch keinen konkreten Beweis für den Rhytmus der Felderwirtschaft gibt, so gibt es doch Hinweise für einen Zweijahresrhytmus. Die Pferde und Rinder weideten auf den Wiesen, die Schweine frassen Eicheln im Wald und die Ziegen begnügten sich mit den Wald, - und Wegrändern. Die Fischerei, die vor allem im Frühling und im Herbst betrieben wurde, ergänzte die Ernährung ebenso wie das Sammeln von Wildfrüchten jeder Art. Die Jagd, vorwiegend auf kleine Wasservögel, brachte nur einen bescheidenen Nahrungsbeitrag.
Das in den Häusern und in der Abfallgrube, in Mengen, gesammelte Material ist ungewöhnlich reich und vielseitig. Dies ist sicher bedingt durch den sozialen Status der Bewohner ("Bauernadel", den zeitgenössige Texte anderer Gegenden beschreiben), aber auch durch die bemerkenswert gute Erhaltung (der Fundplatz ist sofort vom Wasser bedeckt worden, das ihn entgültig versiegelt hat und so die Konservierung der organischen Stoffe garantiert). Dieses Fundmaterial veranschaulicht jedenfalls auf ausgezeichnete Weise das technische Können dieser Zeit, die Lebensbedingungen und die relative, wirtschaftliche Unabhängigkeit. So autark die Siedlung von Colletière auch gewesen sein mag, so gab es doch Spezialisierungen - Landwirtschaft und Viehzucht, Metallurgie und Gerberei - und man betrieb Handel, um sich bestimmte Objektkategorien (gedreschselte Gegenstände und Keramik) zu beschaffen. Die Geldmünzen, Deniers und Silberobolen, waren übrigens recht zahlreich, was als Zeichen eines gewissen Reichtums gewertet werden kann, wenn man zum Vergleich den Kontrast, den Texten nach zu urteilen, mit den Bauern des Rhônetals, hinzuzieht.
Alles weist also darauf hin, zusammen mit zwei weiteren, zeitlich gleichgestellten, Ufersiedlungen des gleichen Typus, daß Colletière der befestigte Mittelpunkt einer Domäne war, in der 60 bis 100 Personen wohnten. Sie war das Ergebnis einer, von der näheren Umgebung (Rhônetal) ausgehenden, Agrarkolonisation, die ihrerseits die Folge des demographischen Überdrucks war, der sich um die Jahrtausendwende verstärkte. Die Siedler wurden in den Jahren 1033-1035 vertrieben, als eine Verschlechterung des Klimas das Wasserniveau steigen ließ, und die Siedlung im See versank. Gleichzeitig, es sei denn die Bewegung hat bereits 1025-1030 begonnen, ist die Ringmotte von Chatelard (Chirens), nur 1 km entfernt, erbaut worden, und mit ihr mehrere andere Motten. Ihre Erbauung kennzeichnet hier, wie anderswo in der Gegend und in ganz Europa, die Einrichtung, in einer wohlbekannten Atmosphäre der Gewalt, vieler eigenständiger Burgherrschaften, die den, meist ungesetzlichen, Auftakt der Lehnsherrschaft darstellen.
Diese ersten Versuche, die die wahre Geburt des feudalen Mittelalters darstellen, besitzen nicht die aulSerst kritische Größe- geographisch, menschlich und ökonomisch -, um zu bestehen. So werden sie bald zu Gunsten einer beschränkten Zahl von Befestigungen aufgegeben, aus denen die Burgherrschaften von Clermont, Virieu und Paladru herauswachsen, die ihrerseits wieder in die mächtige Baronie von Clermont eingegliedert werden, deren Machtbereich bis an die Grenzen von Savoyen und dem Dauphiné, zwischen Guiers und Isère, reicht.
Es bleiben natürlich noch viele Fragen offen : Gab es in Colletière eine abhängige Siedlung ? Ist es möglich, die Morphologie der Befestigung Ünd ihren Zugang genauer zu bestimmen ? Es gibt emstzunehmende Hypothesen über die Lage des, zur Siedlung gehörenden, Friedhofes. Besaß dieser, wie anzunehmen ist, eine Kirche ? Wie sahen die an der Grenze zwischen dem 11. und 12. Jh. noch bestehenden Befestigungen aus, bevor sie durch die Schlösser, deren Reste man heute untersuchen kann (seit dem 13. Jh. erbaut) abgelöst wurden ? Wie sah ein Bauerhaus das 11., 12. und 13. Jh. aus (Rolle des "Incastellamento" in der Formgebung des Landes) ? Und dann ziehen sich durch all die Interpretationen natürlich die juristischen Fragen : welcher war der Status der Bewohner von Colletière ; Stellenwert des Allod, der den Anzeichen nach zu urteilen, in Sermorens, wie im Dauphiné sehr wichtig gewesen sein muß...
Aber wenn man auch zwischen der Gegend um den Paladrusee und seiner Entwicklung vom 10 bis zum 12. Jh., und anderen Orten in Frankreich und Europa zahlreiche Parallelen ziehen kann, und wenn Colletière für die schnelle Entwicklung dieser Zeit repräsentatif ist, so liegt sein Hauptinteresse doch darin, daß es einerseits dank seiner subaquatischen Lage, die Materie, für die Kreuzung verschiedener analytischer Techniken und Studienmethoden der Geschichtsforschung und der "traditionellen" Archäologie mit paläoökologischen Studienmethoden bietet ; daß es andererseits die große gegenseitige Abhängigkeit von Mensch und Natur in einer Epoche zeigt, in der die Technologie sich seit fast 10 Jahrhunderten nicht weiterentwickelt hatte ; und schließlich, daß es an einem besondern anschaulichen Beispiel darzustellt, wie schnell und tiefgreifend die "Revolution des Jahres 1000" war.
1 - "Incastellamento"